Safe Haven oder braune Brühe?

Fremdenhass gefährdet Deutschlands Ruf bei internationalen Investoren

„Umfragen bestätigen es immer wieder: Chemnitzer Unternehmen halten ihre Stadt für besonders wirtschaftsfreundlich, sie finden hier ein ausgewogenes Verhältnis von Industrie, Handel, Dienstleistungen und Forschung.“ So schreibt es die Stadt in ihrem eigenen Internetauftritt unter www.chemnitz.de.

Tatsächlich steht die Stadt in Sachsen seit kurzem eher für hemmungslose Auftritte von Rechtsradikalen und Ausländerhassern. Dafür, wie gut diese lauten Leute organisiert und wie mobil sie sind. Und sie steht für die Sorgen der besonnenen Bürger um den starken Wirtschafts-Standort Deutschland. Und die Chemnitzer selbst können noch nicht einmal unbedingt etwas dafür. Dort ist ein Verbrechen passiert, es hätte aber auch in jeder anderen Stadt in Deutschland so passieren können. Es passt nur vielen Leuten gerade perfekt in ihr Weltbild.

In den vergangenen Tagen erhoben zahlreiche Manager und Ökonomen ihre warnende Stimme. Sie fürchten nachteilige Konsequenzen aus der Fremdenfeindlichkeit. Einige Beispiele: „Wo bleibt die Antwort der Wirtschaftselite?“, fragte Harald Christ, früher unter anderem Vorstand der HCI AG, auf Spiegel online. „Ich erwarte von den Chefs der Dax-Konzerne sowie des Mittelstands und nicht zuletzt von den großen, allseits bekannten Familienunternehmern, im Wortsinne Gesicht zu zeigen. Jetzt ist die Courage dieser Verantwortlichen gefragt, aus der Anonymität ihrer Rollen herauszutreten, sich zu einer starken Demokratie zu bekennen.“

Oder Siemens-Chef Joe Kaeser. Er hat schon mehrfach davor gewarnt, dass Nationalismus und Rassismus in Deutschland salonfähig werden. Das wäre für die Wirtschaft und auch sein Unternehmen verheerend, sagte Kaeser dem Bayerischen Rundfunk. Deutschland lebe vom Export und möglichst offenen Grenzen, Konzerne seien global aufgestellt, mit Mitarbeitern und Kunden jeder Hautfarbe und Religion.

Kaeser fürchtet negative Auswirkungen im Ringen deutscher Unternehmen um Fachkräfte. „Wir haben mehr als 378.000 Kollegen weltweit und fast 130.000 in Deutschland. Alle diese Mitarbeiter müssen sich wohlfühlen, egal welcher Herkunft sie sind.“ Die Vielfalt der Mitarbeiter sei ein Teil der Stärke von Siemens. „Deswegen müssen wir Werte wie Offenheit und Toleranz auch in eigenem Interesse fördern.“Die Sorge scheint begründet, und nicht erst seit Chemnitz. So hat Kai Bussmann, Professor für Strafrecht und Kriminologie an der Universität Halle, schon 2004 die bislang einzige quantitative Studie zu den ökonomischen Auswirkungen von Fremdenfeindlichkeit verfasst und dafür 600 deutsche Unternehmen befragt. Bei fast einem Drittel der Firmen war Fremdenfeindlichkeit damals schon ein Thema in Bewerbungsgesprächen, im Osten Deutschlands bei 40 Prozent.

Schon jetzt können offene Stellen in Deutschland aufgrund des demographischen Wandels kaum noch besetzt werden. Migration ist nicht die Mutter aller Probleme, sondern Teil einer Lösung. Maurice Grassau, CEO von Architrave, hat zum Beispiel vor kurzem auf Twitter im Zusammenhang mit dieser tollen Seehofer-Aussage darauf hingewiesen, dass in seinem Unternehmen Mitarbeiter aus 11! Nationen arbeiten.

Auch ich frage mich: Welcher IT-Experte mit dunkler Haut will in einem Land arbeiten, in dem er Angst vor Beleidigungen und körperlicher Gewalt haben muss? Gelingt es Politik und Gesellschaft nicht, den Hass zurückzudrängen, dürfte Deutschland nicht länger erste Wahl bei Spezialisten aus dem Ausland bleiben.

Und welcher Investor will sein Geld in ein Land tragen, in dem Menschen auf der Straße gejagt werden? Lassen die Studierenden aus dem Ausland Deutschland links liegen, fehlen nicht nur den Verkäufern von Micro-Apartments in Universitäts-Städten die Argumente. Seit je her profitiert Deutschland vom Nimbus des „Safe Haven“ – auch bei internationalen Immobilien-Investoren. Savills hat kürzlich berichtet, dass der Anteil internationaler Kapitalanleger in den vorherigen zwölf Monaten rund 27 Prozent am gesamten Transaktionsvolumen ausmachte – nach einem Durchschnitt von 20 Prozent in den vergangenen fünf Jahren.

Industria Wohnen zum Beispiel hat vor wenigen Wochen ein Portfolio mit 3.700 Wohnungen an 15 Standorten in Deutschland an die dänische Pensionskasse PFA verkauft. Aber auch Bürogebäude, Einzelhandelsobjekte und Logistikimmobilien sind bei Käufern aus dem Ausland beliebt. In den Top-Seven waren sie nach einer Analyse von Jones Lang LaSalle im vergangenen Jahr für fast die Hälfte des gewerblichen Transaktionsvolumens verantwortlich. Allein bei den zehn größten Deals des Jahres traten ausländische Investoren bei sieben als Käufer auf.

Weil Sicherheit ihren Preis hat, akzeptieren die Investoren inzwischen Renditen um vier Prozent und teilweise weniger. Damit könnte es schnell vorbei sein, wenn Deutschland nicht länger der sichere Hafen bleibt, sondern ein Becken voller brauner Brühe. Wir sind mehr. Also lasst uns lauter sein.