Mit Ausnahme derjenigen, die ein Parteibuch der Linken haben, scheint die Sache klar: Die russische Regierung unter ihrem Präsidenten Wladimir Putin ist verantwortlich für den Giftanschlag auf den Oppositions-Politiker Alexej Nawalny. Warum sollten sich auch Zweifel einstellen? Es handelt sich schließlich nicht um das einzige und erste Gift-Opfer im Zuständigkeitsbereich Russlands. Außerdem: Wie will Russland erklären, dass ein nicht-russischer Attentäter einen russischen Staatsbürger auf russischem Staatsgebiet vergiftet mit einem Stoff, der eigentlich sicher verschlossen in russischen Militäreinrichtungen lagert? Wie gesagt, die Linken sind noch nicht überzeugt…

Selten einig sind sich die Mitglieder der Europäischen Union in ihrem Abscheu des Verbrechens. Selbst Großbritanniens Premierminister Boris Johnson hat verbal scharf gegen Russland geschossen. „Es ist ungeheuerlich, dass eine chemische Waffe gegen Alexej Nawalny eingesetzt wurde”, schrieb Johnson auf Twitter. „Wir haben die tödlichen Konsequenzen von Nowitschok hier in Großbritannien aus erster Hand erlebt”, hieß es in Johnsons Statement, mit dem er den Anschlag des 2018 im britischen Salisbury vergifteten ehemaligen russischen Doppelspions Sergej Skripal und seiner Tochter Julia meint. Beide überlebten nur knapp.

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Während die politischen Diskussionen in Deutschland um das Pipeline-Projekt North Stream 2 kreisen, könnte Johnson den Oligarchen in seinem Land so richtig weh tun. Die profitieren vom System Putin bislang ungemein. Nicht ohne Grund wird die britische Hauptstadt von vielen „Londongrad“ genannt. Ungezählte Milliarden flossen von russischen Konten in die teuersten Gebäude der Stadt. Nicht immer auf legalem Weg. Eine besondere Sightseeing-Tour der Anti-Geldwäsche-Organisation „ClampK“ führte an Immobilien vorbei, die mit Schwarzgeld bezahlt wurden. Häufig von Putin-Freunden und -profiteuren, die dem eigenen Rubel nicht trauen. Schon im Jahr 2018 berichtete der Spiegel, dass nach Recherchen von Transparency International mindestens 4,4 Milliarden Pfund in britischen Immobilien stecken, dessen Herkunft virtuos verschleiert wurde. Ein Fünftel davon gehöre Russen, die damit die zweitgrößte Gruppe stellen. Nach Käufern aus den Arabischen Emiraten.

Premierminister Johnson könnte an Profil gewinnen, würde er Sanktionen gegen die Oligarchen aussprechen oder sich einer gemeinsamen Aktion mit der EU anschließen. Konten einfrieren. Einreise verweigern. Ausweisen. Aber wird er sich dazu durchringen? Schließlich gibt es eine Reihe von Hinweisen darauf, dass die russische Regierung den Brexit unterstützt hat mit dem Ziel, Europa zu schwächen. Wird Johnson also tatsächlich diejenigen bestrafen, die ihn an sein Ziel gebracht haben? 

Ehrlich gesagt, ich glaube nicht daran. Zumal Johnson Verbündete braucht, nun, wo er der EU mit einem harten Bruch der Brexit-Verhandlungen gedroht hat. Keine Ahnung, wieso er sich in einer starken Verhandlungssituation wähnt. Mit einem Minus von mehr als 20 Prozent war der Wirtschaftseinbruch im Zuge der Corona-Krise so hoch wie noch nie seit Beginn der Statistik – und ungefähr doppelt so heftig wie in Deutschland. So kann es gehen, wenn der Chef ein Dampfplauderer ist. Bei den Gewerbeimmobilien geht es ebenfalls bergab. Lag London in der Rangliste der weltweiten, grenzüberschreitenden Investmentziele jahrelang auf Position eins, ist die Stadt in der aktuellen Auflistung von Jones Lang LaSalle auf Platz zehn zurückgefallen. Deutlicher können die Investoren einen Vertrauensverlust kaum aussprechen.

Ein derartiges Vorgehen hätte allerdings auch Konsequenzen auf die anderen europäischen Investitionsziele der russischen Hautevolee:  Paris und Berlin. Auch dort sind russische Investoren in den letzten Jahren ziemlich aktiv gewesen und haben sich mit Immobilienbeständen eingedeckt. Für mich erscheint dieser Weg aber zielführender als die Beendigung der Kooperation im Bereich NorthStream 2. Das würde die breite russische Bevölkerung treffen. Und die ist bekanntlich schon jetzt nicht auf Rosen gebettet.