Mit unseren vorigen Blog-Beitrag zur Enteignung von Wohnungen haben wir den Nerv der Branche getroffen. Niemals zuvor waren die Zugriffe so hoch, niemals zuvor haben so viele Follower unseren Beitrag weitergeleitet und geliked. Das Thema schlägt noch immer hohe Wellen, denn auch wenn eine Enteignung für die meisten nicht in Frage kommt, so ist doch eine umfassende Diskussion in Gang gekommen. Mit Thesen, die so direkt vorher noch nicht ausgesprochen wurden.

So haben die Redakteure der Immobilien-Zeitung 50 Vorschläge gegen die Wohnungsnot gesammelt. Manche sind logisch, andere Unsinn, eine Vielzahl wird bereits umgesetzt, wieder andere klingen zunächst skurril, können tatsächlich aber zielführend sein. Beispiel Bürokratie. Auf Deutschlands Baustellen gelten knapp 4.000 Gesetze. Dazu in jedem Bundesland eine andere Landesbauordnung. Logisch, dass die Genehmigungsverfahren kürzer und unkomplizierter, die Baumaßnahmen flotter wären, wenn die Bauherren nur eine überschaubare Zahl von bundesweit geltenden Gesetzen zu beachten hätten. Abgesehen davon könnte das zu einer größeren Standardisierung von Baumaßnahmen führen, die zusätzlich beschleunigend wirkt.

Beispiel luftige Wohnlagen. Schon jetzt nutzen die Investoren den Platz über Parkplätzen und Supermärkten zum Bau neuer Wohnungen. Alleine in München etwa ergeben sich Möglichkeiten für 3.000 neue Wohnungen auf städtischen Flächen. Rund 100 sind über den Parkflächen am Dantebad bereits entstanden. Über den Bau von Wohnungen über ALDI, Lidl und Co. haben wir bereits berichtet. Die Universität Darmstadt und das Pestel-Institut sehen bundesweit das Potenzial für 400.000 Wohnungen. Die Lebensmittelhändler spielen dabei gerne mit. In Frankfurt und Berlin zum Beispiel wohnen die Menschen bereits über den Discountern.

Bauland an Bahngleisen, an lauten Autobahnen, neben Flughäfen oder in Gewerbebetrieben sind eine Idee, neuen Wohnraum zu schaffen, können aber zu einer Ghettoisierung führen. Gleiches gilt für neue Trabantenstädte, die sich schnell zu No-go-Areas entwickeln können. Daran kann niemandem gelegen sein. Ob Wohngemeinschaften von Krankenschwestern und Polizisten eine Lösung sein können, erscheint ebenso fraglich. Auch sie brauchen ein Privatleben jenseits der Kollegen. Abenteuerlich klingt der Vorschlag, die Hausbesetzung zu legalisieren, sobald ein Mehrfamilienhaus länger als ein Jahr leer steht. So etwas war offenbar in den Niederlanden bis zum Jahr 2010 legal. Wo stehen Wohnhäuser komplett leer? In welchem Zustand? Und wer will darin leben? Das erinnert doch sehr an die Situation in manchen Entwicklungsländern.

Auf den ersten Blick machbar erscheint der Vorschlag, Kleingärten umzuwidmen. Der Bundesverband Deutscher Gartenfreunde zählt rund 900.000 Parzellen in deutschen Städten. Alleine in Berlin ziehen 71.000 Schrebergärtner ihre Möhren auf der angemieteten Scholle. Hier hat der Senat nach Recherchen der Immobilien Zeitung 26 von 160 Kolonien auf landeseigenem Bauland identifiziert, die sich für den Wohnungsbau eignen. Das möchte ich mal erleben, wie die Kleingärtner auf diese Pläne reagieren. Der Widerstand dürfte ähnlich energisch sein wie bei einer der größten innerstädtischen Brachfläche Europas. Bei einem Volksentscheid vor genau fünf Jahren stimmte eine deutliche Mehrheit der Berliner gegen eine Bebauung des ehemaligen Flughafens Tempelhof.  Das scheint ohnehin die neue gesellschaftliche Konfliktlinie zu werden: die, die schon drin sind, verteidigen ihren Status Quo. Gegen diejenigen, die rein wollen.