Sind die Investoren wirklich schon bereit für die nachhaltige Transformation?

Ab dem 10. März 2021 ticken die Uhren anders im Vertrieb von Beteiligungen und Immobilienfonds. Sind Nachhaltigkeitskriterien bis dahin freiwillig, werden sie mit diesem Termin zur Pflicht. Dann gilt die „Offenlegungsverordnung“, eine Vorgabe aus Brüssel, die regelt, wie Anbieter von Kapitalanlagen und Berater über nachhaltige Investments und die damit verbundenen Risiken informieren müssen. So sind sie künftig dazu verpflichtet, ihre Kunden im Beratungsgespräch nach ihren Vorstellungen zu nachhaltigen Investments zu befragen und passende Produkte vorzuschlagen. Bieten sie stattdessen Kapitalanlagen an, die keinen Wert legen auf Nachhaltigkeit, müssen sie das begründen und protokollieren. Problem dabei: Hat sich die Bedeutung von ESG bei institutionellen Investoren bereits durchgesetzt – wobei das Akronym fürEnvironmental, Social and Governance steht – also Umwelt, Soziales und vorbildliche Unternehmensführung – gibt es nur wenige Produkte für private Kapitalanleger am Markt, die die Nachhaltigkeits-Kriterien erfüllen.

Aber auch im Geschäft mit den Profis sind noch Fragen offen. „Es kommt jetzt eine Fülle von Maßnahmen auf die Fonds- und Immobilienbranche zu. Herausfordernd ist, dass die Maßnahmen nicht koordiniert und nicht aufeinander abgestimmt sind“, sagt Martina Hertwig, Partnerin, Wirtschaftsprüferin und Steuerberaterin bei Baker Tilly. Und ZIA-Vizepräsident Jochen Schenk meint: „Der ZIA unterstützt den notwendigen Wandel im Zusammenhang mit entsprechenden ESG-Aktivitäten. Transparenz und Vergleichbarkeit zu schaffen, ist dazu grundlegend wichtig. Ob die Offenlegungs-Verordnung Klarheit bringt, ist zweifelhaft – zumal sie nicht mit der Taxonomie synchronisiert ist. Die Vorgaben sind viel zu einseitig auf Unternehmensbeteiligungen zugeschnitten, wohingegen Immobilien keine Berücksichtigung finden.“ Dabei entfallen 30 Prozent des gesamten Energiebedarfs auf den Betrieb, den Bau und späteren Abriss von Gebäuden. Außerdem sind Immobilien für 40 Prozent der Emissionen von Treibhausgasen verantwortlich.

Bei den Institutionellen ist das Thema Nachhaltigkeit dennoch schon vor geraumer Zeit angekommen. Das belegt eine Studie von Warburg HIH Real Estate. Demnach gehen 51 Prozent der befragten Immobilien-Investoren sogar von langfristig höheren Renditen aus, wenn bei Investitionsentscheidungen Nachhaltigkeits-Kriterien berücksichtigt werden. Doch es geht nicht um den Profit alleine. Elf Prozent der Befragten würden sogar eine um 0,2 Prozentpunkte geringere Rendite in Kauf nehmen, um ESG-Kriterien zu erfüllen.

Bei vielen institutionellen Investoren ist Nachhaltigkeit somit längst vom „add on“ zum „must have“ geworden. Daher hat Union Investment zusammen mit Bell Management Consultants die Initiative „ESG Circle of Real Estate“ gegründet, um einen Branchenstandard zur Messung der Nachhaltigkeits-Performance von Immobilien und Portfolios zu entwickeln. Mehr als 30 Asset- und Property Manager sind inzwischen beigetreten und arbeiten an einem Konzept, das sich mit Unterstützung des Fondsverbands BVI und des Zentralen Immobilien Ausschuss (ZIA) zu einem  weltweit anwendbaren Nachhaltigkeitsstandard entwickeln soll. Es basiert auf dem im Jahr 2019 von Union Investment eingeführten Label „atmosphere“, das bereits die Definition der als Taxonomie bezeichneten nachhaltigen Finanzanlage der Europäischen Union und die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens berücksichtigt. 

Offenbar eine weitsichtige Entscheidung, denn Martina Hertwig von Baker Tilly berichtet, dass ESG und Klimaschutz sehr weit oben auf der politischen Agenda stehen: „Ich glaube, dass die dargestellten Maßnahmen erst der Anfang sind. Die Politik denkt bereits über weitere Verschärfungen nach. ESG wird uns dauerhaft begleiten.“

Der Weg bis zu einer echten Änderung des Mindsets der Investoren scheint jedoch noch weiter als gedacht: Der CEO des börsennotierten Büroimmobilien-REITS Alstria, Olivier Elamine, hat kürzlich die Probe aufs Exempel gemacht. Er wollte einen einzigen Cent der anstehenden Dividende von insgesamt 53 Cent für energetische Projekte – z.B. das Beschaffen von Energiesparlampen für seinen Bestand – umlenken und hat die Aktionäre darüber beschließen lassen. Raten Sie mal, wie der Beschluss ausgegangen ist: die Großaktionäre haben sich durchgesetzt und lassen sich diese insgesamt 1,77 Mio. € lieber komplett ausschütten. Die Kleinanleger haben es hingegen schon verstanden. Sie hatten dem Vorschlag des CEO mehrheitlich zugestimmt.