Die Immobilienwirtschaft verschläft den Aufbruch in die Zukunft, befürchten Beobachter der Branche. So verpennt präsentieren sich die Immobilienmärkte eigentlich gar nicht. Wer von einem Transaktions- und Preisrekord zum nächsten eilt, muss einigermaßen ausgeschlafen sein. Doch in der Umsetzung der digitalen Möglichkeiten steht die deutsche Immobilienwirtschaft tatsächlich erst am Anfang.

Mehrere Studien untermauern die Trägheit der Branche. So kommt eine Umfrage des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA) und der Unternehmensberatung Ernst & Young mit mehr als 300 Befragten aus der deutschen Immobilienbranche zu diesem Ergebnis: Zwar erkennen 90 Prozent der Unternehmen die Digitalisierung als sehr relevantes Handlungsfeld, doch mangelt es den meisten an einer durchdachten Strategie, an qualifiziertem Personal und verlässlichen Daten.

Andere Länder sind bereits weiter. England, die USA, Australien und Skandinavien haben einen Vorsprung von mindestens drei Jahren. Die deutschen Unternehmen bräuchten also nur über den Tellerrand hinaus zu schauen. Und genau damit beginnen sie nun offenbar. Immerhin gut zwei Drittel der in der ZIA-Studie befragten Unternehmen befinden sich in der Entwicklungs- oder Etablierungsphase. Das Center for Real Estate Studies der Steinbeis-Hochschule Berlin betont, dass die verschiedenen Tätigkeitsprofile in der Immobilienwirtschaft unterschiedlich affin für Digitalisierung sind. Verwalter werden andere Prozesse digital standardisieren können als Makler, die Digitalisierung hauptsächlich zur Kommunikation und Beschleunigung von Abstimmungsprozessen verwenden. Sachverständige dagegen könnten Datenbanken effizienter nutzen.

Was sehr theoretisch klingt, hat in der Praxis bereits heute gravierende Auswirkungen auf die Entscheidungen der Immobilieninvestoren. So wird die Digitalisierung die Büromärkte in absehbarer Zeit komplett verändern. Stichworte sind hier innovative Co-Working-Modelle zum Beispiel für Existenzgründer. Sie erwarten eine flexible Flächennutzung, kurze Mietverträge und möblierte Arbeitsplätze. Das hat nicht mehr viel zu tun mit der – vermeintlichen – zehnjährigen Planungssicherheit einer vermieteten Single-Tenant-Immobilie.

Im Einzelhandel ist die Digitalisierung für jeden Realität, der schon einmal bei Amazon oder einem anderen Online-Versandhändler Druckerpatronen oder ein paar Sportschuhe bestellt hat. Auf diese Entwicklung müssen die stationären Einzelhändler Antworten kennen. Sonst wird der Leerstand in den Einkaufsstraßen und Shoppingcentern hierzulande so groß wie in manchen Städten Europas und den USA.

Umdenken müssen aber auch die Eigentümer von Wohnanlagen. Viele Mieter erwarten heutzutage nicht nur ein schnelles Internet, sondern eine digitale Schließanlage und die unter „Smart Home“ zusammengefassten Annehmlichkeiten. Manche Projektentwickler haben bereits darauf reagiert und bieten sogar eine eigene App an, mit der die Mieter checken können, wann die Mülltonnen geleert werden und welche Waschmaschine im Keller frei ist.

In den kommenden Ausgaben unseres Blogs „Reale Meinung“ gehen wir in einer kleinen Serie ausführlicher auf die digitalen Ist-Zustände und Möglichkeiten der verschiedenen Immobilien-Segmente ein.